Desinfektion: Öfter Fluch als Segen

Schon seit geraumer Zeit sind wegen der Corona-Pandemie die Desinfektionsmittel in den Drogerien, Supermärkten und Apotheken ausverkauft. Diejenigen, die sie wegen chronischer Erkrankungen tatsächlich brauchen, leiden unter den Engpässen, und in ihrer Panik oder ihrer Profitgier sind verschiedentlich Menschen in Krankenhäuser und Kinderkliniken eingebrochen, um der Mittel habhaft zu werden.

Dabei helfen sie in der aktuellen Situation so gut wie gar nicht! Wer nicht eng mit Infizierten zusammenarbeitet oder lebt, sondern einer Erkrankung vorbeugen möchte, sollte auf andere Mittel setzen: Seife wirkt besser. Das mag seltsam klingen, hat aber einen einfachen Grund: Covid-19 zählt zu den behüllten Viren. Das bedeutet, dass es eine Lipidhülle hat, die durch Seife zerstört wird. Wer also nach dem Heimkommen direkt ausgiebig mit Seife seine Hände wäscht, schützt sich vor der Ansteckung. Auch im Haushalt bring es nichts, Oberflächen zu desinfizieren: Eine gründliche Reinigung mit Wasser und Seife macht den Viren den Garaus.

Die vermeintliche Sicherheit durch Desinfektionsmittel

Werfen Sie einen Blick auf das Kleingedruckte auf den handelsüblichen Desinfektionsmitteln, stellen Sie fest, dass die meisten von ihnen gegen Bakterien wirksam sind, aber nicht gegen Viren. Der absolut überwiegende Teil der Desinfektionsmittel, die gegen Viren helfen, wird ausschließlich für den medizinischen Bereich hergestellt. Einige Mittel, die als “eingeschränkt viruzid” ausgezeichnet sind, helfen auch gegen behüllte Viren wie Covid-19 – das tut Seife aber auch.

Warum schlagen Mediziner dann Alarm, wenn Engpässe bei den Desinfektionsmitteln auftreten? Weil sie Menschen versorgen müssen, die offene Wunden haben, regelmäßig Spritzen erhalten, an bakteriellen Infektionen leiden usw. Ärzte, Pfleger und pflegende Angehörige müssen ihre Patienten bzw. Verwandten und sich selbst schützen. Das geht nur mit Desinfektionsmitteln. Fehlen diese, weil Menschen sie aus Spekulationsgründen oder Angst aufkaufen oder stehlen, kann das Leben kosten.

Alkohol ist auch keine Lösung

Chemisch gesehen stimmt das zwar nicht – Alkohol ist sehr wohl eine Lösung –, aber auf die Pandemie bezogen hilft Alkohol auch nur begrenzt weiter. Zwar kursieren die Rezepte für Desinfektionsmittel zum Selbermachen, die Anteile von mindestens 62-prozentigem Ethanol oder Propanol enthalten, aber auch hier gibt es inzwischen Engpässe. Zusätzlich ist die täglich mehrfache Behandlung der eigenen Hände mit diesem Gift eher schädlich als von Nutzen. Und das führt direkt zu einem anderen Punkt.

Darum kann Desinfektion der Gesundheit schaden

Wer sich mehrfach am Tag die Hände und vielleicht auch andere Körperstellen mit Desinfektionsmittel oder den selbst angerührten alkoholischen Lösungen einreibt, zerstört seine Hautflora: Jeder Mensch trägt auf seiner Hautoberfläche eine große Anzahl von Mikroorganismen, die die Haut gesund erhalten. Eine gesunde Haut bildet eine wirksame Barriere gegen Krankheitserreger von außen. Alle Mikroorganismen, die sich auf die Haut setzen, werden von den hier lebenden Bakterien oder Pilzen angegriffen – auch Viren wie Covid-19.

Die meisten Desinfektionsmittel, die im Handel erhältlich sind, wirken antibakteriell (solche, die gegen Pilze wirken, sind explizit als Fungizide ausgeschrieben). Wer sich also laufend die Hände desinfiziert, macht sich angreifbar: Die natürliche Hautflora mit den hilfreichen Bakterien wird zerstört, sodass aggressive Neuankömmlinge leichtes Spiel haben. Hinzu kommt, dass der Alkohol die Haut zusätzlich austrocknet und rissig macht. Krankheitserreger können durch derartig angegriffene Haut viel leichter in den Körper gelangen.